Roman von Georges Perec – Anton Voyls FortgangEin französischer Kriminalroman ganz ohne den Buchstaben „e“
Der Roman von Perec erschien erstmals 1969 in Frankreich und vereint das Spiel mit der Sprache mit einer sich selbst entwickelnden Geschichte.
„Anton Voyls Fortgang“ heißt im französischen Original „La Disparition“ – das Verschwinden. Doch dieser Titel konnte so vom Übersetzer Eugen Helmlé nicht übernommen werden – es steckt ein „e“ darin. Und das wäre gegen das Konzept des Romans: Georges Perec hat sich für den Text die Regel gesetzt, nicht ein einziges Mal den Buchstaben „e“ zu verwenden, der Text ist also ein Leipogramm. Das heißt konkret für die französische Ausarbeitung, kein Wort benutzen zu dürfen, in dem ein „e“ vorkommt, nicht einmal das kleine „et“, das „und“ bedeutet. Die grammatikalische weibliche Endung wird ebenso durch das „e“ wiedergegeben. Das Buch ist aus 6 Teilen und insgesamt 26 Kapiteln ausgebaut. Diese Zahlen entsprechen der Anzahl an Vokalen (a, e, i, o, u, y) und Buchstaben im Französischen. Es fehlen jedoch der zweite Teil und das fünfte Kapitel – denn diese repräsentieren den Buchstaben „e“, der der zweite Vokal und der fünfte Buchstabe des Alphabets ist. Die Vorstellung der Hauptfigur Anton Voyl im ersten Teil des Romans Der Hauptdarsteller des Romans, Anton Voyl verschwindet bereits zu Beginn des Romans. Der Name kommt vom französischen „voyelle atone“, dem stimmlosen Vokal „e“. Im ersten Teil wird er dem Leser zunächst vorgestellt, man findet eine echte Exposition vor. Voyl lebt alleine in seinem Pariser Appartement, und man erfährt, wie er von Halluzinationen und Schlafproblemen geplagt wird. Er versucht sich mit einem Tagebuch zu helfen, lässt sich operieren, doch alles nützt nichts. Was er während seiner Halluzinationen in seiner Wohnung sieht, sind seltsame Formen, die sich auf seinem Teppich bilden. Sie werden als „rund, doch nicht ganz zu und läuft mit Horizontalstrich aus“ beschrieben. Als Leser kann man hier schon den Hinweis auf den Buchstaben „e“ ausmachen. Voyl wird also davon geplagt, was es in seiner Welt nicht gibt, denn das „e“ kennt er ja gar nicht. Schließlich verschwindet er spurlos, hinterlässt seinen Freunden aber eine Nachricht, die lautet: „Bringt Advokat H., wo im Zoo ständig raucht, acht Whiskey von Ia Qualität.“ Wer weiß etwas über Anton Voyls Fortgang?Mit dem zweiten Teil fängt nun die Suche von Voyls Freunden nach ihm an. Sie heißen Amaury Conson, Olga Mavrokhordatos, Hassan Ibbn Abbou, Arthur Wilburg Savorgnan und Douglas Haig Clifford. Sie erhalten die Hilfe der beiden Kriminalpolizisten Ottavio Ottaviani und Aloysius Swann. Als Anhaltspunkt nehmen die Freunde und die Polizisten zunächst die hinterlassene Nachricht, doch schon bald stellen sie fest, dass sie ihnen nicht weiterhilft. Im Gegenteil, Hassan Ibbn Abbou, den sie noch als „ständig rauchenden Advokaten im Zoo“ identifizieren konnten, stirbt sofort nach dieser Erkenntnis. Immer weiter suchen die Freunde gemeinsam nach ihrem verschwunden Freund, ohne jemals so weit zu kommen, zu erkennen, dass es der Buchstabe „e“ war, der ihn hat verschwinden lassen. Jedes Mal, wenn eine der Figuren kurz vor der Lösung ist, stirbt sie oder verschwindet auf ebenso mysteriöse Weise wie Voyl. Im Verlauf der Suche begeben sich die Freunde zu Arthur Wilburg Savorgnan und der Squaw, die bei ihm lebt und Douglas Haig Cliffords Amme war. Savorgnan stirbt schon bald, und die Squaw sieht sich so veranlasst, die Geschichte der einzelnen Freunde zu erzählen. Dabei kommt heraus, dass sie alle miteinander verwandt sind. Eine Großfamilie, auf der ein Fluch lastetTatsächlich sind Arthur Wilburg Savorgnan und Amaury Conson Brüder. Voyl, Douglas Haig Clifford, Olga, der Polizist Ottaviani und Hassan Ibbn Abbou sind die Kinder von Arthur Wilburg Savorgnan. Savorgnan war vor seinem Tod kurz davor, dieses Geheimnis zu lösen, doch konnte er es nicht mehr den anderen erklären. Dass Savorgnan und Conson Brüder sind, fanden sie heraus, als beide dasselbe Foto eines bärtigen Mannes bei sich trugen – dieser Bärtige („le barbu“) ist ihr gemeinsamer Vater. Die Squaw erzählt schließlich, dass auf allen Mitgliedern der nun vereinten Familie ein Fluch lastet, der vom Bärtigen ausgesprochen wurde. Dieser Fluch soll den Tod seines erstgeborenen Sohnes rächen, indem alle anderen Kinder, also alle wesentlichen Figuren des Romans, auch sterben müssen. Zum Ende des Romans sind tatsächlich alle gestorben oder verschwunden – bis auf die Squaw, den Polizisten Swann und den Bärtigen, die sich als Komplizen herausstellen. Georges Perec: Inhaltliche und sprachliche Verwirrung?Diese sehr knappe Zusammenfassung zeigt, wie verwirrend der Inhalt des Textes auf den Leser wirken kann, es gibt zudem neben der hier sehr grob dargestellten Erzählung unzählige eingeflochtene Geschichten, die vom Leser entschlüsselt werden müssen. Die Lektüre ist anfangs auch recht problematisch, aber wenn man sich an den Schreibstil gewöhnt hat, wird das flüssige Lesen einfacher. Wie der Autor und der Übersetzer selbst sagen, entwickelt sich im Roman eine eigene Dynamik, die auch auf den Leser wirkt. Letztendlich möchte man nicht nur verfolgen, wie ein Text ganz ohne „e“ auskommt, sondern auch, wie die Geschichte des Romans endet. Dazu sollte man sich ein Foto des Autors Perec ansehen: hat er nicht einen auffälligen Bart? Ist Perec ein allmächtiger Erzähler, der seine Protagonisten auf eine unendliche Suche schickt? Georges Perec: Anton Voyls Fortgang. Herausgegeben und übersetzt von Eugen Helmlé. Rowohlt. 1991. Taschenbuch, 363 Seiten. Gebraucht erhältlich.
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