Gilles Leroy: Alabama Song

Ein Roman über Zelda Fitzgerald

18.08.2008 Pia Helfferich

"Alabama Song" ist ein Roman über Zelda Fitzgerald, dem flapper girl der 1920er Jahre und Ehefrau des Schriftstellers Scott Fitzgerald.

Sie waren eines der ersten Glamourpaare, erfolgreich, im Mittelpunkt und immer für einen Skandal gut: Scott und Zelda Fitzgerald. Er, das frisch entdeckte Genie, das 1920 mit seinem ersten Roman „This side of Paradise“ einen sensationellen Hit landete, sie das Mädchen aus den Südstaaten, schön, verwöhnt, eigensinnig. Waren sie mal ein paar Tage lang nicht in der Zeitung, machte Scott im Theaterfoyer einen Handstand und schon waren beide wieder im Gespräch. Ihre Partys dauerten von Freitagabend bis Montagmorgen, die wilden, die goldenen 20er Jahre wurden von den Fitzgeralds verkörpert und von Scott in Literatur verwandelt.

Dann kam der Absturz. Bei Zelda brach eine schwere psychische Krankheit aus, die von Nervenzusammenbrüchen bis zu religiösen Wahnvorstellungen reichte, Scott kämpfte gegen ein nicht geringes Alkoholproblem. Beide starben jung, was ihren Nachruhm nur erhöhte.

Roman über Zelda

Nun hat der französische Autor Gilles Leroy mit „Alabama Song“ einen Roman geschrieben, in dem er Zelda reden lässt. In tagebuchartigen Aufzeichnungen und Monologen, die sich an einen ihrer Psychiater wenden, berichtet sie über ihr Leben. Zelda Sayre Fitzgerald war eine talentierte Frau, sie malte, schrieb und tanzte Ballett. Im Roman nimmt ihre Affaire mit dem französischen Flieger Jozan eine wichtige Rolle ein. Ob diese im wirklichen Leben stattgefunden hat, ist bis heute umstritten. Ihr Biograf Andrew Turnbull berichtet, dass sowohl Scott als auch Zelda ständig unterschiedliche Varianten dieser vermeintlichen Affaire erzählten. Leroy nutzt diese Grauzone, um eine eigene Geschichte daraus zu spinnen. Bei ihm ist Zelda eine unglückliche Frau, die in einer lieblosen Ehe feststeckt. Nun erlebt sie die einzig glückliche Zeit ihres Erwachsenenlebens während der kurzen Beziehung zu Jozan. Als ihr Mann davon erfährt, sperrt er sie ein, er demütigt sie, vergewaltigt sie sogar und lässt sie schließlich in eine Psychiatrie einsperren.

Verdrehung der Wirklichkeit

Bei der Lektüre des Romans stellt sich die Frage: Darf man das? Darf man die Wirklichkeit so verdrehen, historischen Personen im Nachhinein ein falsches, sie beleidigendes Leben unterschieben? Die Fliegeraffaire auszuspinnen ist unproblematisch, jedoch aus einer wenn auch schwierigen, so doch dauerhaft von einer starken Liebe geprägten Ehe eine wahre Ehehölle zu machen, kann wohl kaum statthaft sein. Jemandem Vergewaltigungen, Gefühlskälte und einen maßlos schlechten Charakter anzuhängen, ihn zum Frauenschläger abzustempeln, ohne dass es dafür Beweise gibt, das kommt Rufmord gleich. Die reale Beziehung zwischen Scott und Zelda ist sehr gut dokumentiert. Nicht nur die Aussagen von Zeitzeugen sind verfügbar, auch ihre Korrespondenz ist erhalten geblieben. Vom ersten bis zum letzten Brief ist zwischen Scott und Zelda immer wieder von ihrer Liebe zueinander die Rede, von dem Glück, das sie füreinander bedeuten, auch die Sorge um den anderen spielt eine große Rolle. Kennt man die Briefe und die Romanfiguren, kommt man nicht auf die Idee, dass sie dieselben Menschen meinen.

Der reale Scott hat Zelda nicht aus Eifersucht in eine Psychiatrie sperren lassen. Seine Frau war tatsächlich schwer krank und auch die besten Ärzte waren damals noch nicht in der Lage, ihr zu helfen. Zwar steht in der Nachbemerkung des Romans der lapidare Satz „Alabama Song ist Fiktion [und] … will als Roman und nicht als Biografie der historischen Person Zelda Fitzgerald gelesen werden.“ Doch was bringt das? Wer diesen Roman liest, wird das Gefühl haben, nun etwas über die Fitzgeralds zu wissen.

Eine Merkwürdigkeit des Romans besteht auch darin, dass zwar alle Figuren mit ihren echten Namen auftauchen, Freunde wie die Murphys, der Verleger Perkins oder eben Jozan, nur Ernest Hemingway taucht im Roman nur als „Lewis“ auf. Hatte der Autor Angst vor einer Auseinandersetzung mit Hemingways Rechtevertretern?

Zelda in konventioneller Gestalt

Und was ist mit Zelda? Die reale Zelda rief als Kind die Feuerwehr an, weil ein Mädchen auf dem Dach festsäße. Dann stieg sie selbst mit einer Leiter auf das Dach, schupste die Leiter weg und wartete auf die Feuerwehr. Von diesem kleinen Mädchen hat sie sich ihr Leben lang viel bewahrt. Zeitgenossen berichten von ihrem Esprit, der auch in ihren Briefen sichtbar wird. Leroy verwandelt Zelda in seinem Roman in eine vor allem von Hass erfüllte Frau und in ein Opfer ihres Mannes. Ihr faszinierender Geist kommt nicht zum Ausdruck. Der Frau, die noch nach jahrelanger Krankheit in der Lage war, ihrer Tochter zur Geburt des ersten Kindes mit den Worten zu gratulieren „Du bist einfach fabelhaft! Eine großartige Idee, einen sieben Pfund schweren Jungen zu bekommen!“, dieser Frau/Figur verleiht der Autor eine konventionelle Sprache, die von Leid und Vorwürfen dicht am Boden gehalten wird, statt abzuheben, wie bei der echten Zelda.

Eine banale Geschichte

Misst man das Buch, so wie es der Autor wünscht, nur an sich selbst und nicht an der historischen Vorlage, dann bleibt eine banale Geschichte zurück. Gilles Leroy nahm das Material dieses faszinierenden, vielschichtigen Paares und entkleidete es von allem, was daran komplex und interessant ist. Was übrig bleibt, beleidigt sowohl Scott als auch Zelda.

Gilles Leroy: Alabama Song. Kein & Aber Verlag 2008. Gebunden, 240 Seiten. Euro 19,90.

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